Das Staatsbad Bad Reichenhall vor dem Verkehrsinfarkt?

Der LKW-Verkehr in Kolonne oder im Minuten-Takt von Bad Reichenhall über Piding zur Autobahn. Wie hier auf den Fotos meistens aus Österreich oder Deutschland: Oberösterreich, München, Berchtesgadener Land, Bremen, Pongau, Pinzgau. Aber selbst aus ‚dem Osten‘ oder Kroatien und Slowenien reicht das Herkunftsland. Wie viele von ihnen sind Maut-Flüchtlinge?

Immer mehr gewinnt man in Bad Reichenhall den Eindruck, dass man es beim Thema Ortsumfahrung mit einer Provinzposse zu tun hat, also mit einem derb-komischen Bühnenstück. Hauptakteure dabei sind der Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner und der Industrielle Max Aicher, der seit einigen Jahren auch auf dem Reichenhaller Hausberg Predigtstuhl residiert. Zum Lachen aber ist den betroffenen Bürgern und Gästen der Stadt Bad Reichenhall schon lange nicht mehr zumute.

40 Jahre sind genug!

40 Jahre schon versteht es die Stadt durch eine völlig konfuse Politik und Interessenlage eine längst fällige Ortsumfahrung in Bad Reichenhall zu verhindern, obgleich der Freistaat und auch die Bundesrepublik Deutschland längst die Notwendigkeit erkannt haben und eine Lösung herbeiführen möchten. Die Bundesstraßen B20 und B21, direkt entlang der Kurzone des Staatsbades mit täglich bis zu 40.000 Fahrzeugen, unterstehen nämlich dem Bund und damit ist auch ihre Funktion und Aufgabe Bundessache. Nicht umsonst muss der Bundestag – nachdem zuvor viele Sachverständige befragt und Gutachten ausgewertet wurden – dem Projekt zustimmen. Und so hat es die Ortsumfahrung Bad Reichenhall mit dem Kirchholztunnel im Dezember 2016 wieder einmal in den „Vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplanes‘ geschafft.

Stadt setzt Ortsumfahrung aufs Spiel

‚Jüngstes Glanzstück‘ einer konfusen Stadtpolitik jedoch ist, sich nicht unverzüglich und mit allem Nachdruck für die ausgearbeitete und genehmigte Ortsumfahrung einzusetzen, sondern eine neue und ganz eigene Variante, nämlich die des Industriellen Max Aicher, zu favorisieren. Sein ‚Auentunnel‘ wurde zuletzt mehrheitlich durch einen Stadtratsbeschluss vom Oktober 2017 ‚zur Prüfung freigegeben‚. Nur darf die Stadt eben jene Planungen nicht zur Prüfung einreichen. Prominente Politiker und Fachbehörden warnten darüber hinaus die Stadt ausdrücklich vor diesem Schritt, doch Oberbürgermeister Dr. Lackner lässt nichts unversucht die Pläne des Max Aichers voran zu treiben.

Was macht MdL Michaela Kaniber beim Bauamt?

Neuester Akt in dieser traurigen Posse ist der Vorstoß beim Staatlichen Bauamt in Traunstein, zu dem selbst die damalige Bundestagsabgeordnete und heutige Ministerin Michaela Kaniber vorstellig wurde. Welches politische Spiel wird hier getrieben? Auch das Staatliche Bauamt in Traunstein verweist auf die Unvereinbarkeit dieser Tunnellösung mit bestehenden Gesetzen. „Es besteht weder aus topografischen, noch aus Gründen des Lärmschutzes noch aufgrund einer zu hohen Umweltbelastung die Notwendigkeit (und damit die Voraussetzung) durch die Saalachau einen Tunnel zu führen.“

„Alles untersuchen“ ungeachtet der 40-jährigen Planung und Prüfung

Dabei hatten die Vertreter der Stadt (Lackner, Hofmeister, Hartmann) gleich mehrere Varianten ‚im Gepäck‘. Stadtrat Michael Nürbauer drückte es so aus: „Alles muss untersucht werden, jede Variante – ob ein Tunnel von der Johann-Häusl-Straße aus, von der Vogelthennstraße, ob im Bestand – egal – alles untersuchen.“ Es wird so getan, als ob im Planfeststellungsverfahren aus dem Jahr 2011 nicht längst schon die Möglichkeiten fachlich beurteilt und abgewogen wurden und als ob es seit 40 Jahren – nicht ohne Grund – ein klares Bekenntnis zum Kirchholztunnel gibt. Dass so ein Vorgehen, wie von Nürbauer gefordert, weder sinnvoll noch zielführend ist, weiß man glücklicherweise im Straßenbauamt:

Bauamt mit klarer Anweisung an die Stadt

„Wir halten eine Konkretisierung für unerlässlich. Dabei ist es nicht erforderlich, die von der Stadt Bad Reichenhall gewünschte Trasse technisch auszuarbeiten, sondern deren Linienführung, Höhenlage, Querschnitt und die Anschlüsse an das nachgeordnete Wegenetz sowie die gewünschten Bereiche der Führung im Tunnel darzustellen“, heißt es wörtlich vom Leiter der Behörde, Baudirektor Christian Rehm, gegenüber dem Verein „Reichenhall pro Kirchholztunnel e.V.“.

Verfügt die Stadt über einen Expertenpool?

Das ist auch keine „Einladung“, wie es Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner gerne formuliert, sondern eine klare und eindeutige Aufforderung, eine Anweisung der Staatlichen Behörde. Dabei birgt diese einfache sachliche Formulierung durchaus Zündstoff in sich. Es kann nämlich nicht einfach – wie im Stadtrat wohl mehrheitlich angenommen – die Planung eines privaten Unternehmers für eine Bundesstraße herangezogen werden, die Stadt selbst muss liefern. Auch variierten die Planungen und Ideen des Max Aichers mehrfach, je nach Publikum und Zeitschiene. Völlig unklar war bis zuletzt eben die genaue Linienführung und ebenso Höhenlage und Querschnitt. Es war weder für den Stadtrat, noch für andere informierte Kreise ersichtlich, wie weit der Tunnel denn in Form eines Walles (direkt durch die Au, entlang der Saalach, bis zur Kretabrücke) die Stadt von den Saalachauen und den Nonner Auen abschneidet.

Entsteht eine neue Stadtmauer jenseits historischer Grenzen?

Der Verein „Reichenhall pro Kirchholztunnel e.V.“ ist der Meinung, dass hier bewusst verschleiert, ja die Bürger und Räte der Stadt in die Irre geführt wurden. Der Verein geht davon aus, dass das Bauwerk inklusive Erdaufschüttung vier bis fünf Meter aus der Erde ragt, vergleichbar mit der historischen Stadtmauer von Bad Reichenhall. Die Stadt bunkert sich ein, anstelle sich zu öffnen und vom Verkehr zu befreien – wenn es nach dem Willen der Stadtrats-Mehrheit geht.

Es ist jetzt also die Stadt selbst, die vorlegen muss. Nachdem etwa beim Kirchholztunnel über Jahrzehnte an der Planung, Untersuchung und Ausführung gearbeitet wurde, will die Stadt Bad Reichenhall dies in wenigen Monaten schaffen. Sie scheint über ausgezeichnete Ingenieure und Verkehrsexperten zu verfügen. Man darf gespannt sein.

Demnächst mehr Verkehr in der Innenstadt?

Ebenso eindeutig ist die Forderung des Bauamtes, ‚die Anschlüsse an das nachgeordnete Wegenetz zu benennen‘. Was, wenn die jetzige Umgehungsstraße (B20 und B21) plötzlich nach der Therme endet, weil der ‚Auentunnel‘ von hier aus auf die bestehende Trasse bis zur Kretabrücke weitergeführt wird? Könnte das zu einer Verlagerung des Verkehrs auf die innerstädtische Achse führen?

Die Rupertustherme sucht um Schutz bei St. Rupert, den sie  zum Entdecker der Sole in Bad Reichenhall gekürt hat. Entdeckt hat er sie aber höchstens als sprudelnde Einnahmequelle seiner Missionstätigkeit für das Erzbistum. Foto: Gerd Spranger

Indessen rollt der Verkehr mit bis zu täglich 40.000 Fahrzeugen – darunter bis zu 4000 LKW – weiter unverdrossen durch Bad Reichenhall, dem Staatsbad gegen Erkrankung der Atemwege. Die Zahl der direkt betroffenen Bürger dürfte weit über 1000 liegen und auch in der Innenstadt steigt der Verkehrsdruck permanent. Die Stadt Bad Reichenhall hat einmal mehr ‚auf dem silbernen Tablett‘ die Lösung ihrer Verkehrsprobleme im jüngsten Bundesverkehrswegeplan geliefert bekommen. Allein sie spielt ein trauriges Possentheater zum Schaden der Stadt und ihrer Bürger.

Verspielt Bad Reichenhall seine Zukunft? Selbst die Rupertustherme in Bad Reichenhall will sich mit einem elf Meter hohen und 160 Meter langen Bauwerk in Form einer Großgarage von der Straße abschotten. Ein neues Thermenhotel im Vier- bis Fünf-Sterne-Bereich direkt an einer lauten Bundesstraße, kann nur schwer den Charme einer Alpenstaat vermitteln. Da hilft selbst eine Therme an ihrer Kapazitätsgrenze nichts mehr.

Ein Kommentar

  1. […] „Wir halten eine Konkretisierung für unerlässlich. Dabei ist es nicht erforderlich, die von der Stadt Bad Reichenhall gewünschte Trasse technisch auszuarbeiten, sondern deren Linienführung, Höhenlage, Querschnitt und die Anschlüsse an das nachgeordnete Wegenetz sowie die gewünschten Bereiche der Führung im Tunnel darzustellen“, heißt es wörtlich vom Leiter der Behörde, Baudirektor Christian Rehm, gegenüber dem Verein „Reichenhall pro Kirchholztunnel e.V.“. […]

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